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Von Ronald Hindmarsh, Psychotherapeutischer Heilpraktiker und EFT-Therapeut Webseite: systemisches-eft.de - am 2.-4. März 2012 hält Ronald ein Seminar über Systemisches EFT im Salomon-Institut, Köln
EFT (Emotional Freedom Techniques, auch als Klopfakupressur bekannt) ist eine der wirkungsvollsten Methoden in Coaching und Psychotherapie [EFT 2012]. Viele Symptome lassen sich schnell und nachhaltig behandeln. In manchen Fällen gelingt die Behandlung nicht vollständig oder die Symptome kehren nach einer gewissen Zeitspanne zurück. Durch die Miteinbeziehung systemischer Kontexte in den EFT-Prozess können die Wirksamkeit, die Effizienz sowie die Nachhaltigkeit der Behandlung weiter gesteigert werden.
Emotionen und Kontexte
Im EFT werden Emotionen als Bewertung des gerade wahrgenommen Kontextes aufgefasst. Ein Klient mit Redeangst etwa bewertet den Kontext, vor einer größeren Menge von Menschen zu reden, mit bestimmten schwächenden Emotionen, welche dann diverse Symptome zur Folge haben können. Für die Therapie nutzen wie die Fähigkeit des Klienten, sich Kontexte vorzustellen, um die damit verknüpften schwächenden Emotionen hervorzurufen und anschließend durch Klopfen zu entmachten.
Der Therapieerfolg steht und fällt mit der Treffgenauigkeit in der Formulierung der zu behandelnden Emotionen und Einwände. Schon der Pionier der Klopfakupressur Roger Callahan [Cal 2012] erkannte, dass die Auflösung vieler schwächender Emotionen auf mächtige Einwände stößt. Ein Einwand macht sich ebenfalls als Emotion bemerkbar, wobei diese Emotion für den Klienten einen höheren Stellenwert in der subjektiven Gesamtbewertung hat. Dieser oft als „psychologische Umkehrung“ bezeichnete Effekt wird im EFT mit Hilfe der Eingangssequenz (z.B. „Auch wenn ich X habe, liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin“) temporär entmachtet. Ohne beklopfen der höherwertigen emotionalen Einwände wären viele Symptome nur schwer oder gar nicht behandelbar.
Die Formulierung des Eingangssatzes zielt auf Einwände in Bezug auf die Wahrnehmung des Ich-Kontextes. Der Mensch nimmt aber auch die Emotionen Anderer, insbesondere seiner Bezugspersonen und nahen Angehörigen wahr. Sie machen den subjektiv gefühlten systemischen Kontext aus, in dem sein Verhalten und seine Emotionen einen Sinn ergeben. Ebenso wie der Ich-Kontext kann auch der systemische Kontext mächtige emotionale Einwände gegen eine Veränderung begründen. Das nachfolgende Beispiel aus der Arbeit mit einem Kind mit ADS-Symptomen („Träumer“) veranschaulicht die Macht eines systemischen Einwands.
Systemische Einwände
Der 9-jährige Moritz konnte sich in der Schule und auch sonst kaum konzentrieren, schaltete immer wieder ab und brauchte sehr lange zum Einschlafen. Die Behandlung seiner Einschlafprobleme zeigte anfänglich gute Erfolge, bis wir auf ein Gefühl von Traurigkeit stießen. Trotz wiederholter Arbeit daran ließ sich seine Traurigkeit nicht unter einen SUD von 4 klopfen. Ich ließ ihn seinen Vater Peter visualisieren und fragte, welche Emotionen er bei ihm wahrnehme. Moritz antwortete: "Traurigkeit". Auf einmal wurde erkennbar, dass Moritz das Gefühl von Traurigkeit nicht erfunden, sondern übernommen hatte. Während seine Einschlafprobleme relativ leicht zu bearbeiten waren, erwiesen sich seine offensichtlich mit dem Vater zusammenhängenden Traurigkeitsgefühle als ausgesprochen hartnäckig.
Ausgehend von dieser Beobachtung kann ein systemischer Einwand aus emotionaler Perspektive wie folgt definiert werden:
Ein systemischer Einwand entsteht durch eine mit einer wichtigen Person im Gefühl liebender Loyalität und Verbundenheit geteilte Emotion.
Anders – und etwas EFT-näher - formuliert: Ein systemischer Einwand beruht im Kern auf einer (meist unterbewussten) Angst vor dem Verlust des Gefühls der Zugehörigkeit bzw. der Loyalität zu einer Person.
Das Beispiel verdeutlicht, dass die emotionale Bewertung des systemischen Kontextes mächtiger ist als die des Ich-Kontextes. Dieser Umstand erklärt für mich auch die Wirksamkeit systemischer Familienaufstellungen, in denen zur Auflösung verschiedenster Symptome mit Krankheitswert fast ausschließlich an der Wahrnehmung von Beziehungen zwischen Familienangehörigen gearbeitet wird. Auch das in therapeutischen NLP-Formaten häufig genutzte NLP-Konzept der Logischen Ebenen [Öts 2012] besagt, dass die höheren Ebenen die niedrigeren dominieren.
In Anlehnung an das hierarchische Modell der Logischen Ebenen im NLP lässt sich für die Anwendung im EFT eine Hierarchie emotionaler Einwände aufstellen (Bild 1). Emotionale Einwände höherwertiger Kontexte behindern die Auflösung schwächender Emotionen, die niederwertigere Kontexte betreffen. Situationsbewertende Emotionen stehen dabei an unterster Stelle.

Bild 1: Hierarchie emotionaler Einwände
Behandelbarkeit systemischer Einwände
Von Gary Craig haben wir gelernt, dass EFT umso besser gelingt, je treffender und spezifischer die Emotionen und die Einwände benannt werden. In dem Beispiel war der in der Behandlung verwendete Standard-Eingangssatz „Ich fühle diese Traurigkeit und ich bin OK“ eine unvollständige Beschreibung der emotionalen Wahrnehmung des Kindes, weil die Emotionen des Vaters nicht mit angesprochen wurden. Dieser nicht erfasste systemische Einwand blockierte die vollständige Auflösung des Gefühls der Traurigkeit.
Bei Kindern hat die Loyalität zu ihren Eltern aufgrund der Abhängigkeitssituation eine existentielle Bedeutung. Dies könnte zumindest teilweise meine Beobachtung erklären, dass Behandlungserfolge gegen systemische Einwände bei Kindern, sofern überhaupt erzielbar, meist wenig nachhaltig waren. Die Situation der Erwachsenen unterscheidet sich allerdings in einem wichtigen Punkt von der der Kinder: Erwachsene stehen in der Regel nicht mehr in Abhängigkeit zu ihren Eltern. Ihre systemischen Einwände sind in diesem Fall „nur noch“ als Emotionen gespeichert. Damit öffnet sich die Tür zur Entmachtung systemischer Einwände bei Erwachsenen, im besten Fall so effizient und nachhaltig wie wir es mit EFT auch sonst gewohnt sind.
Systemische Vererbung von Emotionen
Nachdem bei der Behandlung von Moritz die Struktur des systemischen Einwands erkennbar wurde, arbeitete ich mit seinem Vater Peter am Thema Traurigkeit. Peter war ein offener, sympathischer und lebenslustig wirkender Mann, liebevoll bemüht um seine Familie. Von Traurigkeit war für mich zunächst absolut nichts zu spüren. Beruflich war er in leitender Position erfolgreich, fühlte sich allerdings durch seine vielen Aufgaben im Betrieb sehr gestresst. Er konnte nicht „nein“ sagen, wenn die Firma ihm noch mehr Arbeit auflud, ihn im Urlaub anrief usw. Peters Thema dahinter war, dass er sich als Kind von seinem Vater Wilhelm nicht als Person, sondern allenfalls für seine Leistung gesehen fühlte. Als wir da tiefer einstiegen, kam plötzlich seine ganze Traurigkeit zum Vorschein, die Moritz bei ihm wahrgenommen hatte und über die sie nie gesprochen hatten! Wie schon bei Moritz wurde auch bei Peter erkennbar, dass seine schwächende Emotion der Traurigkeit mit dem Erleben des eigenen Vaters verknüpft war.
Zur Freistellung von solchen im systemischen Kontext vererbten schwächenden Emotionen verwende ich das nachfolgende „Basis-Rezept des Systemischen EFT".
Emotional-systemische Freistellung
Das EFT-Format der emotional-systemischen Freistellung (ESF) wurde entwickelt, um Emotionen und die zugeordneten systemischen Kontexte möglichst klar zu identifizieren und damit einer Behandlung mit EFT unmittelbar zugänglich zu machen. Ziel ist es, den Klienten von einer dauerhaft aktiven schwächenden Emotion X sowohl für sich selbst (Ich-Kontext) als auch in der Wahrnehmung der hierfür „zuständigen“ Bezugsperson (systemischer Kontext) freizustellen.
Ablauf
Die ESF kann grob in die nachfolgend beschriebenen sechs Abschnitte unterteilt werden. Wer mit dem NLP-Konzept der Wahrnehmungspositionen bzw. dem therapeutischen NLP-Format „Drei Positionen“ [Öts 2012] vertraut ist, wird einige Elemente wiederfinden.
1 Vorgespräch: Feststellung der zu behandelnden Emotion X, der der beteiligten Bezugsperson und Formulierung des Wunsches an die Bezugsperson
Wichtig ist es, eine dauerhaft aktive, oft geradezu lebensbestimmende wahrgebende Emotion in den Fokus zu bekommen. Unter einer wahrgebenden Emotion verstehe ich eine Emotion, welche die Wahrnehmung, und damit Befindlichkeit und Verhalten des Klienten dauerhaft und in vielen Situationen maßgeblich beeinflusst. Eine wahrgebende Emotion beschränkt die emotionale Wahlfreiheit des Betroffenen und führt so zu den immer wiederkehrenden Reaktionsmustern.
Wenn die aufzulösende Emotion bekannt ist, kann die damit verknüpfte Bezugsperson ermittelt werden. Um die zugrunde liegenden Loyalitäten aufzudecken, hat sich die systemische Unähnlichkeitsfrage als hilfreich erwiesen: „Wem wärest Du unähnlicher, wenn Du diese Emotion bzw. diese Symptome nicht mehr hättest?“
Bei Peter war die Traurigkeit darüber, sich von seinem Vater Wilhelm nicht als Person gesehen bzw. wertgeschätzt zu fühlen, ein zentraler Wirkfaktor für seine Überarbeitungssituation. Die Formulierung des Wunsches von Peter an Wilhelm wurde wie folgt gewählt:
Vati, ich möchte mich als Mensch gesehen und frei von Traurigkeit fühlen können.
Hierzu einige Erläuterungen: Die Ansprache wird so gewählt, dass der Klient sie als Einleitung für ein empathisches Gespräch über ein wichtiges persönliches Anliegen wahrnimmt (Peter hat seinen Vater Vati genannt). Das Wort möchte soll ausdrücken, dass der Klient seine Bezugsperson achtet und respektiert und nichts erzwingen will. Das Anliegen wird sowohl positiv als auch negativ formuliert, jeweils für den Klienten stimmig. Das Wort können am Ende betont die angestrebte emotionale Wahlfreiheit. Der Klient soll ja nicht generell unfähig werden, Traurigkeit zu empfinden sondern emotional flexibel werden und der jeweiligen Situation angemessen empfinden können. Je kürzer und knackiger der Satz insgesamt, desto besser.
2 Markierung von drei Wahrnehmungspositionen im Raum für den Klienten selbst (S), die Bezugsperson (B) und die Meta-Position (M)
Bild 2: Wahrnehmungspositionen in der ESF
Ich lasse den Klienten die Positionen im Raum selbst festlegen. Als Markierungen können Zettel oder Filzmatten dienen, aber auch beliebige Gegenstände die in der Praxis zur Verfügung stehen.
Die verschiedenen Positionen helfen dem Klienten, die Emotionen in verschiedenen Kontexten zu unterscheiden. Die Meta- bzw. Beobachter-Position wird im späteren Verlauf immer zwischen den Positionswechseln von S nach B und umgekehrt eingenommen. Dies hilft dem Klienten, aus den Rollen wieder auszusteigen und ermöglicht außerdem jederzeit die Unterbrechung des laufenden Prozesses. Auf der Meta-Position rede ich mit dem Klienten über den Fortgang der Intervention und hole bei Bedarf neue prozessrelevante Informationen ein.
3 Auf Position S: Aussprache des Wunsches an die visualisierte Bezugsperson
Ich bitte den Klienten, die Bezugsperson an der Position B zu visualisieren und mit ihr Kontakt aufzunehmen. Dann lasse ich ihn seinen Wunsch laut und deutlich an B richten. Ich frage anschließend, wie es ihm dabei gegangen ist und welche äußerlich sichtbare Reaktionen er bei B wahrgenommen hat.
Erfahrungsgemäß tauchen spätestens hier beim Klienten verschiedene Themen und Emotionen auf, die ich an Ort und Stelle beklopfe. Diese Vorgehensweise behalte ich während des gesamten Prozesses bei, sodass der Klient immer im möglichst guten Gefühl bleiben kann. Wenn die Emotionen aus dem Ruder laufen oder der Prozess aus irgendeinem Grunde ins Stocken gerät, wechsele ich mit dem Klienten auf die Meta-Position und hole zusätzliche Informationen ein. (An dieser Stelle ein großes DANKE an meine Klienten für die vielen Ideen und Einsichten, die wir gemeinsam auf der Meta-Position entwickeln konnten!)
Schritt 3 ist erfolgreich abgeschlossen, wenn der Klient einen SUD von 3 oder weniger und das Gefühl hat, dass sein Wunsch bei B angekommen ist.
4 Auf Position B: Behandlung der im Wunsch genannten und weiterer relevanter Aspekte
Ich bitte den Klienten nun, in die Rolle der Bezugsperson zu treten. Für manchen Klienten ist es nicht leicht, sich in diese Rolle hinein zu versetzen. Also mache ich ihm schon im Vorfeld Mut, beklopfe etwaige Bedenken und versichere, dass ich ihn wirklich bestmöglich begleiten werde. Weiterhin erkläre ich ihm, dass es im Prozess allein auf seine Wahrnehmungen in der Rolle ankommt und dass es egal ist, ob sich die Bezugsperson im realen Leben wirklich so gefühlt hat oder nicht.
Wenn er in der Rolle angekommen ist spreche ihn mit dem Vornamen der Bezugsperson an. Ich zitiere den auf Position S geäußerten Wunsch des Klienten im Wortlaut und frage ihn, welche Emotionen, Erinnerungen usw. das bei ihm auslöst. Oft kommen neben den im Wunsch enthaltenen Aspekten eine Reihe weiterer Emotionen zum Vorschein, die ich allesamt beklopfe.
Abgrenzend zur Auffassung in der Methode des Familienstellens nach Bert Hellinger sehe ich in der Einnahme der Wahrnehmungsposition B durch den Klienten und der Veränderung der dort wahrgenommenen Emotionen keinen Effekt eines „morphogenetischen Feldes“ oder einer „repräsentativen Wahrnehmung“ von Gefühlen. Ohne diese Erklärungsmodelle infrage stellen zu wollen gehe ich für die ESF von der Vorstellung aus, dass der Klient faktisch nicht die realen Emotionen der Bezugsperson beklopft, sondern seine eigene Interpretation der Emotionen der Bezugsperson. Diese Interpretation halte ich für die Ursache der noch bestehenden problematischen Reaktionsmuster des Klienten. Durch die Auflösung auf B kann der Klient diese schwächenden Emotionen nicht mehr auf die Bezugsperson projizieren. Die Loyalität zur Bezugsperson kann anschließend nicht mehr durch das Leben der schwächenden Emotion ausgedrückt werden. So kann der Klient die angestrebte emotionale Wahlfreiheit entwickeln. Zurück zu unserem Beispiel:
Als der Klient in der Rolle von Wilhelm ankam wurde das Gefühl der Traurigkeit sehr stark und er sagte (als Wilhelm): „Ich kenne das Gefühl sehr genau. Mein Vater Karl hat mich überhaupt nicht als Person beachtet“. Offensichtlich hatten wir es mit einem handfesten „Familienthema“ zu tun. An dieser Stelle kam eine speziell für solche Situationen entwickelte Form des Klopfens zur Anwendung.
Wir-Klopfen
Wenn zwei oder mehrere emotional miteinander verbundene Personen dieselbe Emotion empfinden, kann diese Emotion dem systemischen Kontext zugeordnet werden. Der einseitigen Freistellung von der Emotion stünde somit ein systemischer Einwand entgegen.
Beim Wir-Klopfen wird die Freistellung erreicht, indem der Klient seinen Gegenüber visualisiert und mit ihm gemeinsam die schwächende Emotion beklopft. Dafür wird der EFT-Eingangssatz wie folgt abgeändert:
Wir haben X und wir sind OK und unsere Verbundenheit bleibt bestehen
Damit wird die als systemischer Einwand wirkende Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit in den EFT-Eingangssatz integriert. Die gemeinsame schwächende Emotion kann in der Wahrnehmung des Klienten zeitgleich für sich selbst und seinen Gegenüber entmachtet werden. Der Klient erlebt dies als einen Akt der liebend-solidarischen Befreiung. Ich verstehe diesen Prozess auch als eine radikale und wahrhaftige Form der Vergebung: Das behandelte Thema, auf dessen Grundlage sich in der Regel viele Probleme zwischen S und B entwickelt haben, ist buchstäblich kein Thema mehr. Ich halte deshalb diese Form der Vergebung für wirkungsvoller und nachhaltiger als einseitige Affirmationen.
Ich bat den Klienten in der Position von Wilhelm, sich um 90 Grad zu drehen und seinen Vater Karl zu visualisieren. Der Klient nahm wahr, dass Karl dieselbe Emotion der Traurigkeit in sich trug. Ich klopfte mit Wilhelm und Karl den folgenden Satz:
Wir haben das Gefühl der Traurigkeit und wir sind OK wie wir sind und unsere Verbundenheit bleibt bestehen
Daraufhin löste sich die Traurigkeit schnell auf und machte einem Gefühl von Liebe und Frieden Platz.
In vielen Fällen tauchen an der Position B weitere systemisch relevante Themen auf, beispielsweise im Kontext der Mutter, älterer Geschwister oder anderer wichtiger Personen. Alle Themen werden nach demselben Grundmuster behandelt, wobei die Beschreibung der hierfür bisher entwickelten Varianten den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.
Schritt 4 ist abgeschlossen, wenn es dem Klient in der Position B gut geht und er in Bezug auf alle relevanten schwächenden Emotionen einen SUD von Null hat.
5 Auf Position B: Aussprache des Lösungssatzes an S mit Reinheitsprüfung
Ziel dieses Schrittes ist es, die vollständige Auflösung der schwächenden Emotionen auf der Position der Bezugsperson sicherzustellen und darüber hinaus dem Klienten die Botschaft zu übermitteln, dass sich er und seine Nachkommen in Bezug auf das Problem frei fühlen können. Der Lösungssatz lautet wie folgt:
Du kannst dich frei von X fühlen und Y leben, so wie ich mich frei von X fühlen und Y leben kann
Ich bitte den Klienten aus der Position B heraus, den Lösungssatz an S zu richten und seinen Körper im Hinblick auf die empfundene Reinheit und Wahrhaftigkeit zu „scannen“.
Dabei achte ich von außen auf die Kongruenz seiner Körpersprache. Die Bedarf weise ich den Klienten auf Inkongruenzen hin und lasse ihn noch einmal genau nachspüren. Auf diese Weise kommen nicht selten weitere subtile Einwände zum Vorschein, die meist zu einer „Nachspielzeit“ führen: Einmal herangekommen an tiefliegende und systemisch übernommene Emotionen versuche ich mit dem Klienten gemeinsam, eine möglichst „einwand-freie“ Freistellung zu erreichen.
Nachdem alle schwächenden Emotionen bearbeitet waren, bat ich den Klienten, aus der Position B an S folgende Sätze zu richten:
Lieber Peter, Du kannst Dich frei von Traurigkeit fühlen so wie ich mich frei von Traurigkeit fühlen kann
und
Lieber Peter, Du kannst Dich als Person gesehen fühlen so wie ich mich als Person gesehen fühlen kann
Der Klient empfand beim Aussprechen der Sätze ein Gefühl von Liebe und Frieden. Ich nahm ihn als sehr authentisch, kongruent und gefestigt wahr. Offensichtlich war das Thema im Kontext Wilhelm emotional-systemisch gelöst.
Schritt 5 ist abgeschlossen, wenn der Klient beim Aussprechen des Lösungssatzes einen SUD von Null hat. Zeigen sich weitere Einwände, werden diese wie in Schritt 4 behandelt und danach Schritt 5 wiederholt.
6 Auf Position S: Aktualisierung der Wahrnehmung der Bezugsperson
Zum Abschluss bitte ich den Klienten, wieder die Ausgangsposition S einzunehmen und B zu visualisieren. Ich spreche ihn an, wiederhole den Satz, den B gesagt hat und frage ihn, ob er den Satz von B annehmen kann. Weiterhin frage ich ihn nach seiner Wahrnehmung von B und von sich selbst in diesem Moment. In aller Regel nimmt der Klient sich selbst und B als entspannt wahr. Oft kommen aber auch Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und/oder an der Nachhaltigkeit des neuen Gefühls auf. In diesem Fall beklopfe ich entsprechende Sätze wie etwa „Meine Befürchtung, das dieses Gefühl nicht lange anhalten wird ...“.
Schritt 6 und damit die ESF ist abgeschlossen, wenn der Klient einen SUD von Null in Bezug auf das Thema hat. Es kommt vor, dass an dieser Stelle plötzlich ein völlig neues Thema auftaucht, das in der Regel mit einer anderen Bezugsperson (z. B. Mutter oder ältere Geschwister) zusammenhängt. Die Behandlung weiterer Themen vertage ich auf einen anderen Termin.
Systemisches EFT in der Praxis
Wie bei jedem therapeutischen Format tauchen in der praktischen Anwendung immer wieder neue Sondersituationen und Fragen auf. Nachfolgend gehe ich auf einige aus meiner Sicht wichtige Aspekte im Zusammenhang mit der Durchführung der ESF und der Verwendung einzelner systemischer Elemente ein.
Energetische Auflösung und Reframing
In seltenen Fällen gelingt eine Auflösung einer schwächenden Emotion trotz aller Bemühungen nicht bis zu einem SUD von Null. Dann greife ich auf das aus der Systemischen Familienaufstellung bekannte Ritual des Zurückgebens in Liebe und Achtung zurück: Der Klient bekommt einen Gegenstand in die Hand, in den er die schwächende Emotion X eingibt. Anschließend legt er den Gegenstand auf der Position der jeweiligen Person mit den Worten nieder: „Hiermit gebe ich Dir X in Liebe und Achtung zurück, es ist nicht meins“.
In aller Regel wird damit eine deutliche Erleichterung erreicht. Wie auch immer dieser Effekt in der Systemischen Familienaufstellung erklärt wird: Für die ESF gehe ich von der Vorstellung aus, dass die Emotion X nicht energetisch aufgelöst, sondern durch Zuordnung zu einer anderen Person entmachtet wird. Dies erinnert mich an die in therapeutischen NLP-Formaten häufig verwendete Technik des Kontext-Reframings [Öts 2012]. Auch wenn das offenbar hier wie dort gut funktioniert, bevorzuge ich als EFT-Therapeut das Klopfen.
Nachwirkungen
Die ESF ist eine sehr tief gehende Intervention, die eine deutliche Veränderung der Wahrnehmung und damit auch der eigenen Befindlichkeit bewirken kann. Je etwa ein Drittel der behandelten Klienten spüren keine, mäßige oder sehr deutliche Nachwirkungen, die ich auf unterbewusste Neubewertungsprozesse zurückführe. Eine gewisse Umstellungszeit wird offenbar gebraucht, um sich nach dem oft jahrzehntelangen Einfluss einer die gesamte Wahrnehmung filternden Emotion neu zu orientieren. Intensive Träume kommen häufig vor, nicht selten auch eine „merkwürdig veränderte“ Wahrnehmung. Ein Klient sagte eine Woche nach der ESF: „Als ich aus der Praxis herauskam dachte ich, ich wäre nicht mehr ich“. In allen beobachteten Fällen verschwanden die Nachwirkungen innerhalb von drei bis vier Tagen.
Ich empfehle den Klienten, nicht unmittelbar nach der Intervention Auto zu fahren, sondern sich für eine gewisse Zeit zu entspannen und sich etwas Ruhe zu gönnen. Weiterhin biete ich eine telefonische Nachbetreuung an, falls sich der Klient nicht gut fühlen sollte.
Integration systemischer Elemente in EFT
Einzelne Elemente des Systemischen EFT - z. B. das Wir-Klopfen – lassen sich spontan und nahtlos in die bekannten EFT-Formate integrieren. Wenn ein Symptom nicht in der ersten EFT-Runde vollständig verschwindet, gehe ich von der Existenz systemischer Einwände aus und lasse ausgewählte Elemente des Systemischen EFT in den Prozess einfließen. Die früher häufig eingesetzten „Rest-von-X-Runden“ kommen kaum noch vor. Auch verzichte ich auf die Empfehlung, hartnäckige Symptome persistent zu klopfen.
Aus meiner Sicht unterstreichen die Erfahrungen mit dem Systemischen EFT Gary Craigs Grundannahme, dass jede negative Emotion auf einer Energieflussunterbrechung im Meridiansystem beruht. Für mich persönlich habe ich Garys Devise „Try it on everything“ folgendermaßen ergänzt:
Wenn eine schwächende Emotion nicht schnell durch Klopfen entmachtet wird, dann behandle den systemischen Einwand
Erfahrungen
Die ersten Erfahrungen mit der ESF gehen auf das Jahr 2008 zurück, seither wurde das Format kontinuierlich weiterentwickelt und gehört seit 2009 zum Standard-Repertoire in der Praxis, die ich zusammen mit meiner Frau Wiebke betreibe. Bis dato (Februar 2012) haben wir die ESF sicher über 200 mal durchgeführt, in aller Regel mit signifikanten und nachhaltig positiven Ergebnissen. Bei der Anwendung im Rahmen der Emotional-systemischen ADS/ADHS-Familientherapie hat sich die Stimmung in den jeweiligen Familien regelmäßig deutlich entspannt. In vielen Fällen konnte auf die Medikation der Kinder mit Ritalin/Methylphenidat verzichtet werden.
Peter fuhr wenige Tage nach der Intervention für zwei Wochen in Urlaub und berichtete beim nächsten Termin knapp vier Wochen nach der Behandlung über zahlreiche Veränderungen. Hier die Top 3: Gleich als er nach Hause kam, ließ er seine eigentlich geplante Arbeitsvorbereitung liegen um freudig und entspannt mit seinem Sohn Essen zu gehen. Sein Handy hat er erstmals nicht in den Urlaub mitgenommen – völlig ohne schlechtes Gewissen. Und die zusätzliche Abteilung, die ihm seine Firma wie nach jedem Sommerurlaub aufdrücken wollte, hat er zwar übernommen, die operative Leitung aber in Absprache mit der Betriebsleitung gleich an seinen Mitarbeiter Hans weiterdelegiert. Peters lockerer Kommentar: „Ich habe jetzt jeden Tag zwischen 15:00 und 15:30 eine Besprechung mit Hans“.
Über den Autor
Ronald Hindmarsh arbeitet seit 2005 als Psychotherapeutischer Heilpraktiker und EFT-Therapeut in eigener Praxis in Bremen. Thematische Schwerpunkte sind ADS/ADHS, Burn-Out und Paartherapie. Seine Erfahrungen in der ADS/ADHS-Therapie führten zur Entwicklung des Systemischen EFT. Seit 2012 leitet er EFT-Sonderseminare über Systemisches EFT sowie Emotional-systemische ADS/ADHS-Familientherapie.
Webseite: http://www.seminarort-bremen.de/coaching-innovativ
Weiterführende Links
[Cal 2012]: Homepage von Dr. Roger Callahan, http://www.rogercallahan.com , Zugriffsdatum 5. 2. 2012
[EFT 2012]: Informationen des Fachverbands der professionellen EFT-AnwenderInnen Deutschland Österreich, Schweiz, /infos-zu-eft/was-ist-eft.html, Zugriffsdatum: 4. 2. 2012
[Öts 2012]: Walter Ötsch, Lexikon des NLP Online-Datenbank, http://www.nlp.at, Zugriffsdatum: 4. 2. 2012
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